Hanauer Wohnhaus von Märchenerzählerin Marie Hassenpflug identifiziert Drucken E-Mail
Donnerstag, 10. November 2011
Haus „Stadt Amsterdam“, erbaut 1597 von Johann d´Hollande, Gründer der Neustadt Hanau. Foto: Medienzentrum Hanau Germanistikstudentin löst Rätsel bei Recherche für Examensarbeit
Hanau. Die Grimm’schen Märchen wären ohne sie nicht das, das was sie sind: Marie Hassenpflug, Zeitgenossin und langjährige Vertraute von Jacob und Wilhelm Grimm, trug einige der bekanntesten Märchen zu der weltberühmten Kinder- und Hausmärchensammlung der Brüder Grimm bei, die im Jahr 1812 publiziert wurde. Seit kurzem ist bekannt, in welchem Haus am Neustädter Marktplatz in Hanau Marie mit ihrer Familie von 1789 bis 1799 lebte. Phoebe Alexa Schmidt, Lehramtsstudentin für Deutsch und Biologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, fand den entscheidenden Hinweis, als sie für ihre Lehrerexamen recherchierte.

Gemeinsam mit ihrem Germanistik-Professor, Dr. Heiner Boehncke, präsentierte Schmidt ihre Forschungsergebnisse Oberbürgermeister Claus Kaminsky im Hanauer Rathaus: „In einem Nebensatz erwähnte Maries Bruder, Ludwig Hassenpflug, in seiner Lebensbeschreibung die Zeit, als die Familie im Haus Lossow zur Miete wohnte. Damit konnte ich erst einmal nichts anfangen“, erzählt Schmidt. Auf den Rat ihres Professors habe sie jedoch Martin Hoppe kontaktiert, der sich den Grimms im Hanauer Rathaus widmet und zugleich Vorsitzender des Hanauer Geschichtsvereins ist. „Er wusste sofort welches Haus gemeint war und brachte mich zur Ecke Lindenstraße und Marktplatz.“ Auch Elfriede Lossow, deren Vorfahren das Haus im Jahr 1788 gekauft und dort eine „Specereyhandlung“ (Gewürzwarenhandlung) eröffnet hatten, freute sich über die Neuigkeiten. „Leider wurde das Originalgebäude Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört. Doch das Haus, das an gleicher Stelle wieder erbaut wurde, ist bis heute in unserem Familienbesitz.“ Heute beherbergt es unter anderem den Western Store.

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von links: Martin Hoppe, OB Claus Kaminsky, Elfriede Lossow, Phoebe Alexa Schmidt, Professor Dr. Heiner Boehncke. (Foto: Stadt Hanau)

Die Entdeckung des Standorts des ehemaligen Wohnorts sei spektakulär, sind sich Boehncke, Hoppe und Kaminsky einig. „Wir werden demnächst eine Gedenktafel am Haus anbringen, die alle Interessierten über die Bedeutung des Ortes informiert“, versprach der OB. Professor Boehncke lobte die Leistungen seiner findigen Studentin in höchsten Tönen: „Viele Jahre haben wir nach einem Hinweis auf Maries Wohnhaus gesucht und nichts gefunden! Diese junge Frau hat das Geheimnis endlich gelüftet und zudem eine hervorragende schriftliche Prüfung über Marie Hassenpflug abgelegt. Das ist eine großartige Leistung!“ Boehncke, der auch als Literaturredakteur des Hessischen Rundfunks tätig ist, verriet zudem, dass er derzeit an einem Buchprojekt über Marie Hassenpflug arbeite. „Es soll auf die Bedeutung von Hanau im Zusammenhang mit dem Leben und Wirken dieser bemerkenswerten Frau aufmerksam machen“, erläuterte der Germanist. OB Kaminsky versprach zu prüfen, das Werk durch den Brüder Grimm-Stiftungsfond der Bürgerstiftung Hanau Stadt und Land der Sparkasse Hanau finanziell zu unterstützen, schließlich sei die Märchenbeiträgerin Marie Hassenpflug für Hanau, was Dorothea Viehmann für Kassel sei. Phoebe Alexa Schmidt wünschte der OB viel Glück für ihre bevorstehende mündliche Abschlussprüfung. „Bewerben Sie sich doch im Anschluss als Lehrerin in Hanau. Wir können so kluge und engagierte junge Lehrkräfte wie Sie hier bestens gebrauchen!“, forderte er die junge Frau auf.

 

Hintergrund:

Marie Hassenpflug (1788-1856), Ölgemälde 1812 nach Ludwig Emil Grimm (Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V.) Foto: Medienzentrum HanauMarie Magdalene Elisabeth Hassenpflug kam am 27.12.1788 in Altenhasslau zur Welt. Als Ihr Vater Johannes Hassenpflug zum Stadtschultheiß der Neustadt Hanau berufen wurde, bezog die Familie am 14. Oktober 1789 eine Wohnung über der „Specereyhandlung“ Lossow. Ein Jahr zuvor hatte Hofkonditormeister Carl Joseph Lossow mit seiner Frau Katharina, geb. Reiffschneider, den renommierten Betrieb gegründet. Hassenpflugs pflegten seit dieser Zeit eine enge Bekanntschaft mit der Familie Grimm – Jacob und Wilhelm wurden 1785/1786 am Paradeplatz  (heute Freiheitsplatz) geboren wurden. Deren Vater war seit 1782 Stadt- und Landschreiber der Altstadt Hanau und des Amtes Büchertal, ab 1787 Stadtsekretär.   

Am 15. April 1799 siedelten Hassenpflugs nach Kassel über, wohin ihr Vater als „Advocatus fisci“ (Finanzaufseher) versetzt wurde. Mit ihren Schwestern Jeanette und Amalie zählt Marie zu den bedeutendsten Beiträgerinnen der Grimm´schen Kinder- und Hausmärchensammlung von 1812. Von ihr stammen die „Märchen aus der Maingegend“ – und damit aus der Hanauer Region: „Dornröschen“, „Der Froschprinz“, „Sneewittchen“, „Der goldene Schlüssel“, „Rumpelstilzchen“, „Die sieben Raben“ und viele andere mehr.

Marie heiratete am 21.8.1814 Hans Friedrich von Dalwigk von der Schaumburg, der als Capitain im Regiment Kurprinz in Hanau stationiert war, und lebte auf der „Burg“ in Schauenburg-Hoof. Am 24.1.1817 kam in Hanau ein Sohn namens Hans Ludwig Alexander auf die Welt. Von 1819-1824 standen die Eheleute als Hofdame bzw. Kammerherr in Diensten der Herzogin von Anhalt-Bernburg und wohnten im Altstädter Schloss. Marie Hassenpflug starb am 21.11.1856 in Kassel.

Auch ihr Bruder, Ludwig Hassenpflug (1794-1862), von 1832-1837 und 1850-1855 kurhessischer Staatsminister des Innern und für Justiz, wohnte von 1789 bis 1799 in diesem Haus. Er war mit Lotte, der Schwester der Brüder Grimm, verheiratet. Aufgrund seiner antiliberalen Grundhaltung wurde er von der Bevölkerung „Hessen-Fluch“ genannt.

 
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